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Blogeinträge (Tag-sortiert)

Tag: enzensberger

aber.

 





rondeau



reden ist leicht.

aber wörter kann man nicht essen.
also back brot.
brot backen ist schwer.
also werde bäcker.

aber in einem brot kann man nicht wohnen.
also bau häuser.
häuser bauen ist schwer.
also werde maurer.

aber auf einen berg kann man kein haus bauen.
also versetze den berg.
berge versetzen ist schwer.
also werde prophet.

aber gedanken kann man nicht hören.
also rede.
reden ist schwer.
also werde was du bist

und murmle weiter vor dich hin,
unnützes geschöpf.



hans magnus enzensberger
[aus: gedichte 1955-1970 – suhrkamp]




m. 10.10.2008, 07.17 | (0/0) Kommentare | TB | PL

neurosen.

 





das nelkenfeld



wie dein gesicht, eine tausendblättrige alba, so hell,
eine schar sich öffnender tage:
und ich, mich freuend an dem was unzählig ist, zähle,
bis es dunkel wird, den duft dieser wimpern,
wie sie die kurze zeit bebend blühn in der brise,
und rate ratlos, wohin
wird das unglück die schneisen zeichnen
für den einflug der fledermäuse,
die fallen herab ins zarte feld
wie neurosen des himmels,
ins zarte feld, das nichts verderben kann,
und nichts kann es retten,
das nichts und niemand erretten kann,
und niemand kann es verderben



hans magnus enzensberger




m. 05.04.2008, 09.16 | (1/1) Kommentare (RSS) | TB | PL

tag und nacht.







die grosse göttin



sie flickt und flickt,
über ihr zerbrochenes stopfei gebeugt,
ein fadenende zwischen den lippen.
tag und nacht flickt sie.
immer neue laufmaschen, neue löcher.

manchmal nickt sie ein,
nur einen augenblick,
ein jahrhundert lang.
mit einem ruck wacht sie auf
und flickt und flickt.

wie klein sie geworden ist,
klein, blind und runzlig!
mit ihrem fingerhut tastet sie
nach den löchern in der welt
und flickt und flickt.



hans magnus enzensberger
[aus: leichter als luft]




 

m. 05.11.2007, 09.32 | (0/0) Kommentare | TB | PL

keine ahnung.

 





das, was vorher war



wer es gewusst hat, von anfang an,
weiss niemand genau. von denen,
die etwas damit zu tun,
die es getan haben,
kann kaum einer sich daran erinnern.
obwohl sie es nicht erlebt haben,
können andre es nicht vergessen.
den wenigsten ist es gegeben,
‚keine ahnung’ zu sagen.
manche forscher leben davon.
dass es niemand verstehen kann,
dabei wird es bleiben.
es soll welche geben,
die es nicht mehr hören können.
der eine oder der andre
bestreitet es einfach.
die meisten glauben,
es sei vorbei. nur selten
sagt eine schwache stimme
einem ins ohr,
dass es kein ende nimmt.



hans magnus enzensberger
[aus: leichter als luft]




m. 10.10.2007, 12.18 | (1/0) Kommentare (RSS) | TB | PL

kalendertage.





»und wenn du aus dem haus gehst
ist dort der tag«



tage wie diese
klare tage kalendertage
purpurschwarze usambaratage am fuss einer erle
helle belladonnatage
tage tauber luft
tage wie raps wie stern und kronenanemonen
verhangene tage der hasenkönigin
tage des linken schuhs
der bellenden kehlen lang gesuchter blumen
malventage schleifenden blaus
wie zitate aus abreisskalendern
scheinträchtige tage der nachhaltigkeit
dann tage in lila lilientage der stillen andacht
der rosen und herrscherkronen
tage wie hundszahn goldlack und waldvöglein
aadappelen tage
wie schlick und modder wind und schnee



manfred enzensperger
[aus: zimmerflimmern]




 

m. 20.08.2007, 12.42 | (1/1) Kommentare (RSS) | TB | PL

manche wörter.





windgriff



manche wörter
leicht
wie pappelsamen

steigen
vom wind gedreht
sinken

schwer zu fangen
tragen weit
wie pappelsamen

manche wörter
lockern die erde
später vielleicht

werfen sie einen schatten
einen schmalen schatten ab
vielleicht auch nicht



hans magnus enzensberger
[aus: gedichte 1955 – 1970]



 

m. 08.08.2007, 09.35 | (0/0) Kommentare | TB | PL

sekundäres gerede.



ein poetischer text ist nicht mehr als das, was er enthält. deshalb kann er immer nur aus sich selber verständlich sein oder gar nicht. jede erläuterung, die von aussen kommt, und wäre es vom poeten selber, ist unnütz, ja ärgerlich. der verfasser, der sein produkt selber kommentiert, spricht sich sein eigenes urteil, wenn er das gedicht aus der poetischen in eine andere sprache rückübersetzt. er gibt damit nämlich zu, dass er das, was er mit den worten seines gedichtes sagte, auch anders, nämlich mit den worten seiner erläuterung hätte sagen können, also, wie das wort erläuterung zu verstehen gibt, lauterer, durchsichtiger, klarer. der satz, mit dem er seinen kommentar begänne, wäre bereits ein geständnis: «ich wollte mit meinem gedicht sagen...» – «warum haben sie es dann nicht ge- sagt?» die gegenfrage ist nur allzu berechtigt. mithin wäre das einzig richtige verfahren, über ein gedicht zu sprechen, die interpretation von fremder hand; mithin wäre alles andere sekundäres gerede oder indiskretion...



hans magnus enzensberger
[in: die entstehung eines gedichts]



 

m. 27.06.2007, 14.59 | (3/0) Kommentare (RSS) | TB | PL

und dazwischen.





in meinem mund
ein geschmack nach früher
kannst du mir helfen?
... das grosse entsteht aus dem geringen
und dazwischen
öffnet sich vielleicht
ein gedicht.



hans magnus enzensberger

[gefunden bei hilde domin: wozu lyrik heute]





 

m. 29.03.2007, 14.48 | (0/0) Kommentare | TB | PL

ein heimatgefühl.




mit einer katze
im bett zu schlafen
 



ich weiss nicht, ob ich katzen mag.
hunde sind mir lieber.
hunde lügen nicht so gerne.
aber schön ist es, mit katzen im bett
zu schlafen, irgendwo in der nähe
der füsse, dort, wo die zehen
vorsichtig in eine nächtliche welt
ausschau halten wie mauerwächter
einer sehr alten stadt, der stadt
des schlafs auf der hochebene der dunkelheit –
die katze also, nicht allzu nah,
doch in einer art einverständnis
mit den zehen, diesen zehn wächtern
gegen dunkelheit, chaos, nichts
und gegen den lärm eines fernen zuges.
und der schlaf der katze ruft in mir
einen tieferen schlaf hervor,
ihre art, sich wie ein fötus einzurollen
um ihren eigenen mittelpunkt,
gibt mir ein gefühl der vertrautheit,
ein heimatgefühl,
so als wäre diese welt
ein gänzlich natürlicher
aufenthalt.



lars gustafsson
[aus dem schwedischen von hans-magnus enzensberger]



gefunden bei lyrikline



 

m. 21.03.2007, 08.39 | (0/0) Kommentare | TB | PL

dagegen.




dagegen habe ich nie behauptet,
nun gelte es ganz zu schweigen,
schlafen, atemholen, dichten:
das ist fast kein verbrechen.



hans magnus enzensberger



 

m. 20.03.2007, 08.30 | (0/0) Kommentare | TB | PL



kommentare.
marianne:
so wahr!
...mehr

eva:
das wäre mal eine abwechslung, indeed ... "se
...mehr

Gerhard:
Hallo Marianne, einmal ein Liebesgedicht ganz
...mehr

Quer:
Wunder-, wunderschön ist es, dieses Tulpenfot
...mehr

monika:
... ach, wie schade, dass ich das erst jetzt
...mehr

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