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Tag: enzensberger

nicht unbedingt.





hotel caesar palace



auf koffern voll vorfreude sitzend
erwarten wir den geflügelten bus
ins überbuchteste aller paradiese.
sympathisch nicht unbedingt,
sonnenschutzfaktor sechzehn,
aber glücklich sind wir, ausgestreckt
auf unseren liegestühlen, jeder
für vierzehn tage ein kleiner tiberius.

dann wieder zurück in den stau,
den kontoauszügen entgegen
und den dunkleren nachmittagen
im november. in den büros
lauert die wiedervorlage
unter der neonleuchte,
die flackert, flackert, flackert,
bis sie endlich erlischt.



hans magnus enzensberger
[aus: leichter als luft, moralische gedichte – suhrkamp]



 

m. 04.07.2010, 11.48 | (0/0) Kommentare | TB | PL

fast kein verbrechen.




zwei fehler



ich gebe zu, seinerzeit
habe ich mit spatzen auf kanonen geschossen.

dass das keine volltreffer gab,
sehe ich ein.

dagegen habe ich nie behauptet,
nun gelte es ganz zu schweigen.

schlafen, luftholen, dichten:
das ist fast kein verbrechen.

ganz zu schweigen
von dem berühmten gespräch über bäume.

kanonen auf spatzen, das hiesse doch
in den umgekehrten fehler verfallen.



hans magnus enzensberger
[aus: gedichte 1955-1970 – suhrkamp]



 

m. 05.04.2010, 10.09 | (0/0) Kommentare | TB | PL

aber.

 





rondeau



reden ist leicht.

aber wörter kann man nicht essen.
also back brot.
brot backen ist schwer.
also werde bäcker.

aber in einem brot kann man nicht wohnen.
also bau häuser.
häuser bauen ist schwer.
also werde maurer.

aber auf einen berg kann man kein haus bauen.
also versetze den berg.
berge versetzen ist schwer.
also werde prophet.

aber gedanken kann man nicht hören.
also rede.
reden ist schwer.
also werde was du bist

und murmle weiter vor dich hin,
unnützes geschöpf.



hans magnus enzensberger
[aus: gedichte 1955-1970 – suhrkamp]




m. 10.10.2008, 07.17 | (0/0) Kommentare | TB | PL

neurosen.

 





das nelkenfeld



wie dein gesicht, eine tausendblättrige alba, so hell,
eine schar sich öffnender tage:
und ich, mich freuend an dem was unzählig ist, zähle,
bis es dunkel wird, den duft dieser wimpern,
wie sie die kurze zeit bebend blühn in der brise,
und rate ratlos, wohin
wird das unglück die schneisen zeichnen
für den einflug der fledermäuse,
die fallen herab ins zarte feld
wie neurosen des himmels,
ins zarte feld, das nichts verderben kann,
und nichts kann es retten,
das nichts und niemand erretten kann,
und niemand kann es verderben



hans magnus enzensberger




m. 05.04.2008, 09.16 | (1/1) Kommentare (RSS) | TB | PL

tag und nacht.







die grosse göttin



sie flickt und flickt,
über ihr zerbrochenes stopfei gebeugt,
ein fadenende zwischen den lippen.
tag und nacht flickt sie.
immer neue laufmaschen, neue löcher.

manchmal nickt sie ein,
nur einen augenblick,
ein jahrhundert lang.
mit einem ruck wacht sie auf
und flickt und flickt.

wie klein sie geworden ist,
klein, blind und runzlig!
mit ihrem fingerhut tastet sie
nach den löchern in der welt
und flickt und flickt.



hans magnus enzensberger
[aus: leichter als luft]




 

m. 05.11.2007, 09.32 | (0/0) Kommentare | TB | PL

keine ahnung.

 





das, was vorher war



wer es gewusst hat, von anfang an,
weiss niemand genau. von denen,
die etwas damit zu tun,
die es getan haben,
kann kaum einer sich daran erinnern.
obwohl sie es nicht erlebt haben,
können andre es nicht vergessen.
den wenigsten ist es gegeben,
‚keine ahnung’ zu sagen.
manche forscher leben davon.
dass es niemand verstehen kann,
dabei wird es bleiben.
es soll welche geben,
die es nicht mehr hören können.
der eine oder der andre
bestreitet es einfach.
die meisten glauben,
es sei vorbei. nur selten
sagt eine schwache stimme
einem ins ohr,
dass es kein ende nimmt.



hans magnus enzensberger
[aus: leichter als luft]




m. 10.10.2007, 12.18 | (1/0) Kommentare (RSS) | TB | PL

kalendertage.





»und wenn du aus dem haus gehst
ist dort der tag«



tage wie diese
klare tage kalendertage
purpurschwarze usambaratage am fuss einer erle
helle belladonnatage
tage tauber luft
tage wie raps wie stern und kronenanemonen
verhangene tage der hasenkönigin
tage des linken schuhs
der bellenden kehlen lang gesuchter blumen
malventage schleifenden blaus
wie zitate aus abreisskalendern
scheinträchtige tage der nachhaltigkeit
dann tage in lila lilientage der stillen andacht
der rosen und herrscherkronen
tage wie hundszahn goldlack und waldvöglein
aadappelen tage
wie schlick und modder wind und schnee



manfred enzensperger
[aus: zimmerflimmern]




 

m. 20.08.2007, 12.42 | (1/1) Kommentare (RSS) | TB | PL

manche wörter.





windgriff



manche wörter
leicht
wie pappelsamen

steigen
vom wind gedreht
sinken

schwer zu fangen
tragen weit
wie pappelsamen

manche wörter
lockern die erde
später vielleicht

werfen sie einen schatten
einen schmalen schatten ab
vielleicht auch nicht



hans magnus enzensberger
[aus: gedichte 1955 – 1970]



 

m. 08.08.2007, 09.35 | (0/0) Kommentare | TB | PL

sekundäres gerede.



ein poetischer text ist nicht mehr als das, was er enthält. deshalb kann er immer nur aus sich selber verständlich sein oder gar nicht. jede erläuterung, die von aussen kommt, und wäre es vom poeten selber, ist unnütz, ja ärgerlich. der verfasser, der sein produkt selber kommentiert, spricht sich sein eigenes urteil, wenn er das gedicht aus der poetischen in eine andere sprache rückübersetzt. er gibt damit nämlich zu, dass er das, was er mit den worten seines gedichtes sagte, auch anders, nämlich mit den worten seiner erläuterung hätte sagen können, also, wie das wort erläuterung zu verstehen gibt, lauterer, durchsichtiger, klarer. der satz, mit dem er seinen kommentar begänne, wäre bereits ein geständnis: «ich wollte mit meinem gedicht sagen...» – «warum haben sie es dann nicht ge- sagt?» die gegenfrage ist nur allzu berechtigt. mithin wäre das einzig richtige verfahren, über ein gedicht zu sprechen, die interpretation von fremder hand; mithin wäre alles andere sekundäres gerede oder indiskretion...



hans magnus enzensberger
[in: die entstehung eines gedichts]



 

m. 27.06.2007, 14.59 | (3/0) Kommentare (RSS) | TB | PL

und dazwischen.





in meinem mund
ein geschmack nach früher
kannst du mir helfen?
... das grosse entsteht aus dem geringen
und dazwischen
öffnet sich vielleicht
ein gedicht.



hans magnus enzensberger

[gefunden bei hilde domin: wozu lyrik heute]





 

m. 29.03.2007, 14.48 | (0/0) Kommentare | TB | PL



kommentare.
Quer:
Was für ein vielsagender und berührender Satz
...mehr

eva:
das loslassen von fiktionen wie anfang und en
...mehr

Ursula:
Herrlich!
...mehr

Jorge D.R.:
Brigitte hat recht:Die Collage ist eine Wucht
...mehr

tabea:
mach ich ;-)((( )))tabea
...mehr

fortsetzung folgt.


marianne rieter
fortsetzung folgt

leseheft mit 21 gedichten
ISBN 978-3-94 1296-20-6
im proberaum, klingenberg
eur 6.90 + porto

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